Der Herr der Röhren wohnt in Klosterseelte

2022-11-03 15:57:31 By : Ms. Tracy Yu

Klosterseelte – Mit etwa 50 Geräten vollgestopft ist ein Raum, in dem Thomas Wartberg aus Klosterseelte nach Belieben schalten und walten darf. Wer das Zimmer betritt, ahnt: Hier trägt wohl ein Mensch Trauer, wenn das sich bereits andeutende Ende des UKW-Sendebetriebs tatsächlich kommt. Denn dann kann Wartberg mit seinen liebevoll gehegten und gepflegten Röhren- und Transistorradios von „anno dazumal“, darunter ein Volksempfänger von 1942 und ein technischer Vorläufer aus dem Jahr 1936 in edlem Holzgehäuse, kein einziges Hörfunkprogramm mehr empfangen. Was bleibt, ist Rauschen. Auf Mittel- und Langwelle geht schon seit vielen Jahren gar nichts mehr.

Zu denken gibt Wartberg, einem passionierten Reparateur der ersten Stunde im Harpstedter Repair-Café, dass mit nutzlos werdender Technik „von gestern“ Berufsbilder, erlernte Fähigkeiten und über Generationen weitergetragenes Wissen allmählich verschwinden. Wer bringt heute noch ein defektes TV-Gerät zu einem Radio- und Fernsehtechniker? Der Verbraucher wirft oft lieber weg und kauft neu, weil das Instandsetzen nicht lohnt. Büromaschinenmechaniker, einst gefragte Spezialisten, gibt es nicht mehr. Denn auf kaum einem Schreibtisch rattert noch eine Schreibmaschine. Wartberg besitzt indes welche: Meilensteine der Mechanik in unterschiedlichen Ausführungen – von der Triumph bis hin zur Olympia aus Wilhelmshavener Produktion. Allesamt bestens in Schuss.

In der Werkstatt im Keller des Hauses in Klosterseelte stapeln sich Messgeräte. Ein zerlegtes „Nordmende Othello“ fällt ins Auge. Dieses Röhrenradio bringt Wartberg für seinen Schwiegervater, dem es gehört, wieder zum Laufen. Dazu muss er unter anderem Kondensatoren austauschen. Die Welt der Platinen, Dioden, Potis, Trafos und Transistoren ist die seine. Wenn Sauron, Tolkiens „Herr der Ringe“, über Mordor herrscht, dann herrscht Wartberg gewissermaßen als „Herr der Röhren“ über Schaltpläne und Bauteile. Schon ein flüchtiger Blick in sein Technik-Reich, das, wie er zugibt, vom Platz her auch ein gutes Kinderzimmer abgäbe, verrät seinen Faible für die Unterhaltungselektronik. Dekorativ in Regalen platziert, zeugen etliche Röhren- und Transistorradios von einer vergangenen Ära.

Elektrolytkondensatoren sind mit einer Flüssigkeit gefüllt, die mit der Zeit verdunstet. Die Oxidschicht zwischen ,Plus’ und ,Minus’ baut sich immer weiter ab. Wenn man das Gerät nach langem Stillstand, nach vielleicht 20 Jahren, mal wieder einschaltet, kann es als Ergebnis eines Kurzschlusses ,puff’ machen, und überall fliegt Silberpapier durch die Gegend.“

Ein paar Meter weiter steht Audiotechnik von Studer/Revox mit Kassettendeck, CD-Player und Tonbandmaschine. Viele Ersatzteile dafür sind nicht mehr oder kaum noch zu kriegen. „Das Kassettendeck habe ich vor etwa drei Jahren komplett zerlegt, die Sinterlager geölt und das Laufwerk wieder in Ordnung gebracht“, entsinnt sich der 44-Jährige.

Für Audiotechnik, die schon früher als Statussymbol galt, werden heute teilweise Mondpreise aufgerufen. Röhrenradios gehören allerdings vom Grundsatz her nicht dazu. Ein „Philipps Philetta Spezial“, das Wartberg sein Eigen nennt, kann der danach Suchende oft schon für zehn Euro erstehen – zumindest im Zustand eines mehr oder weniger vollgestaubten „Dachbodenfunds“. Die „Luna Box“ von Loewe Opta zählt zu den Besonderheiten in der Sammlung des Klosterseelters. Dieses Röhrenradio spielt sogar Vinyl-Singles ab, die durch einen Schlitz verschwinden und dank Eject-Funktion wieder herauskommen. Der Sony-Plattenspieler des Klosterseelters, noch in Gebrauch, stammt von 1977. „Aus demselben Baujahr wie ich selbst. Das fand ich witzig, als ich ihn gekauft habe“, sagt der 44-Jährige schmunzelnd.

Sage und schreibe 55 Kilogramm bringt seine Telefunken Magnetophon M 21 auf die Waage, eine professionelle Studio-Tonbandmaschine, die Hörfunkgeschichte geschrieben hat. Der Neupreis dürfte sich in fünfstelliger DM-Höhe bewegt haben. Das gute Stück mit Vorwärts- und Rückwärtslauf, Schneidevorrichtung und weiteren Features macht was her. Lange stand es im Sendestudio von Bremen Vier. Im Zuge des Funkhaus-Standortwechsels an die Weser ergab sich die Gelegenheit, das Gerät, das „ausgedient“ hatte, zu erwerben. Wartberg nutzte die Kaufchance nach einem erhaltenen „heißen Tipp“.

„Die Maschine muss ab und zu mal laufen, damit die Kondensatoren sozusagen im Training bleiben. Gerade die Elkos haben ihre Tücken: Elektrolytkondensatoren sind mit einer Flüssigkeit gefüllt, die mit der Zeit verdunstet. Die Oxidschicht zwischen ,Plus’ und ,Minus’ baut sich immer weiter ab. Wenn man das Gerät nach langem Stillstand, nach vielleicht 20 Jahren, mal wieder einschaltet, kann es als Ergebnis eines Kurzschlusses ,puff’ machen, und überall fliegt Silberpapier durch die Gegend“, spricht der Bastler aus Erfahrung.

Statt Hausaufgaben zu machen, habe ich nachmittags lieber an Fernsehern, Radios oder auch Verstärkern herumgeschraubt.“ 

Wann immer er früher die Rückwand eines alten Röhrenfernsehers durch Lösen von Flügelmuttern öffnete und das Innenleben „herausklappte“, ging ihm das Herz auf. Da blickte der versierte Reparateur ohne Probleme durch! Laien sollten das Gehäuse allerdings tunlichst nie öffnen. Andernfalls begeben sie sich in Lebensgefahr, denn die Bildröhre kann noch nach Tagen mit bis zu 30. 000 Volt unter Hochspannung stehen.

Wartberg, staatlich geprüfter Techniker im Bereich Elektrotechnik, auch gelernter Energieaanlagenelektroniker und beschäftigt bei der Minimax Fire Solutions International GmbH in Bremen, nennt die Radio- und Fernsehtechnik seine Leidenschaft. Diese Begeisterung entwickelte sich bei ihm schon als Teenager.

„Statt Hausaufgaben zu machen, habe ich nachmittags lieber an Fernsehern, Radios oder auch Verstärkern herumgeschraubt. Mein Stiefvater arbeitete bei Radio Bremen in der Betriebstechnik. Er brachte mir sehr viel bei, auch Grundlagen der Röhrentechnik. Darauf konnte ich mit Fachliteratur aufbauen. Damals, schon mit 14, habe ich mit dem Fahrrad Radio- und Fernsehläden abgeklappert. Geräte, die entsorgt worden wären, weil die Eigentümer sie aus Kostengründen nicht mehr instandsetzen ließen, bekam ich gratis. Die habe ich dann auf Grundlage der Schaltpläne mit Bauteilen, die ich selbst besorgte, repariert und verkauft. Auf diese Weise besserte ich bis zum Ende meiner Schulzeit mein Taschengeld auf, das ich oft gleich wieder reinvestierte – etwa in Werkzeug“, erinnert sich der Klosterseelter.

Ich bin schon mehr Reparateur als Sammler.“ 

Die Lust am Löten blieb. Als die Flachbildschirme ihren Siegeszug antraten, wandte sich Wartberg verstärkt alten Röhrenradios zu, „weil die Technik darin recht einfach ist“. Um 2010 herum tat er sich mit einem Ladenbetreiber in der Bremer Neustadt zusammen, der solche Hörfunkempfänger verkaufte und im kleinen Rahmen Reparaturen ausführte. „Ich bin ehrenamtlich dazugestoßen und habe Geräte von Kunden auf Spendenbasis wieder zum Laufen gebracht“, erinnert sich der 44-Jährige. Der Ladenbetreiber sei leider verstorben. „Nach seinem Tod“, so Wartberg, „wurde es bei mir dann immer weniger mit dem Reparieren.“

In jungen Jahren habe er oft und gern bei der Firma Williges in der Bremer Neustadt benötigte Bauteile bezogen. „Ich konnte gerade mal so über den Tresen gucken“, erinnert er sich. Heute seien eBay und andere Onlineportale gute Quellen. „Da gibt es einen breiten Fundus“, weiß Wartberg. Als Tipp für Gleichgesinnte, die Bauteile für Röhrenradios benötigen, empfiehlt er die Website antikradio-restored.de.

Schon bald wird er nicht mehr vier-, sondern fünffacher Vater sein. Nur wenig Freizeit verbleibt für sein Steckenpferd. Gleichwohl liegt ihm nach wie vor daran, dass in seinem Technikraum, der als Querschnitt durch etliche Jahrzehnte unterhaltungstechnischer Errungenschaften daherkommt, möglichst alle Geräte funktionieren. „Ich bin schon mehr Reparateur als Sammler“, betont Wartberg. Ein Problem, mit dem er es bei der Wartung seiner Geräte immer mal wieder zu tun bekommt, ist ausgehärtetes Fett in Lautstärkereglern, die sich deswegen „nicht mehr richtig drehen lassen“. Wartberg: „Ich muss das Poti dann in seine Bestandteile zerlegen, alles reinigen und wieder zusammensetzen.“

Durch das Harpstedter Repair-Café habe er neue Freude an seinem alten Hobby gefunden. Dort engagiert er sich als ehrenamtlicher Reparateur in Teamwork mit Walter Wulferding aus Kirchseelte und Claus Föste aus Wildeshausen.

Im Rahmen einer neuen Serie möchte unsere Zeitung Menschen, die „Technik von gestern“ schätzen, warten, pflegen und womöglich auch noch nutzen, mitsamt ihren „Schätzen“ vorstellen. Ob Flipper, Jukebox, Grammophon oder Uralt-Telefon – Sie dürfen uns gern aussagekräftige Fotos Ihrer charmanten „Relikte“ von „anno dazumal“ mailen, und zwar an die Adresse redaktion.wildeshausen@kreiszeitung.de. Schmucke Oldtimer und ihre Besitzer finden hingegen weiterhin innerhalb der Reihe „Alte Liebe“ Berücksichtigung.